Poesie des Alltäglichen
Gedanken zum Ausstellungsthema
von Klaus Biliczky
Zwischen Kaffeeduft und Straßenlärm, zwischen flüchtigem Blick und beiläufiger Geste entfaltet sich jene stille Kraft, die wir Alltag nennen. Was offenbart sich, wenn wir dem Gewöhnlichen Aufmerksamkeit schenken –
jenen Momenten, Gegenständen und Handlungen, die wir meist selbstverständlich hinnehmen?
Wir Kunstschaffende richten unseren Blick nicht auf das Spektakuläre,
sondern auf das Naheliegende: auf das zerknitterte Bettlaken im
Morgenlicht, auf das rhythmische Ticken einer Ampel, auf Spuren
von Händen an Türklinken, auf Gespräche, die im Raum nachhallen.
In Malerei, Fotografie, Skulptur und Installation verwandeln wir scheinbar Banales in vielschichtige Erzählungen.
Das Gewöhnliche wird zur Projektionsfläche für Erinnerungen,
gesellschaftliche Fragen und intime Erfahrungen.
Die Ausstellung Poesie des Alltäglichen widmet sich der Schönheit,
Fragilität und Bedeutung jener Momente, die uns so vertraut sind,
dass wir sie oft übersehen.
Der Ausgangspunkt der geplanten Ausstellung war eine konzeptionelle Überlegung: Wie lässt sich der Blick auf das Alltägliche so schärfen, dass es nicht länger als bloße Kulisse unseres Lebens erscheint, sondern als vielschichtiger Erfahrungsraum?
Im Zentrum der Ausstellung soll eine eigens entwickelte Installation stehen,
die sich direkt auf das Ausstellungsthema bezieht. Sie verdichtet Alltagsmaterialien und vertraute Formen zu einem begehbaren Erfahrungsraum. Hier wird das Gewöhnliche nicht ausgestellt
wie ein Objekt, sondern räumlich erfahrbar gemacht.
Wiederholung, Materialität und Maßstab spielen dabei eine
entscheidende Rolle: Bekanntes wird verschoben, vergrößert,
neu angeordnet – und dadurch in seiner stillen Präsenz spürbar.
Daneben werden in der Ausstellung freie Arbeiten der beteiligten Künstlerinnen und Künstler von FORM + FARBE e. V. präsentiert.
Diese Werke sind nicht illustrativ auf das Thema ausgerichtet, und doch
stehen sie in einem offenen Dialog mit ihm.
Das Gewöhnliche wird zur Projektionsfläche für Erinnerungen,
gesellschaftliche Fragen und intime Erfahrungen.
Durch künstlerische Verdichtung, durch Reduktion oder bewusste Übersteigerung werden die Motive aus ihrem ursprünglichen Kontext
gelöst und als eigenständige Bild- und Denkangebote sichtbar.
Die Ausstellung versteht den Alltag dabei nicht als neutrales Terrain,
sondern als kulturell geprägten Raum. Routinen strukturieren unser Leben;
sie erzeugen Verlässlichkeit, aber auch Begrenzung. Oberflächen tragen
Spuren von Nutzung, von Zeit, von Wiederholung. Selbst scheinbar
nebensächliche Dinge können zu Trägern von Erinnerung, Identität
und gesellschaftlicher Wirklichkeit werden.
Die Ausstellung Poesie des Alltäglichen lädt dazu ein,
das Tempo zu drosseln und genauer hinzusehen.
Vielleicht liegt die eigentliche Qualität der Ausstellungsarbeiten
gerade in ihrer Zurückhaltung.
Sie arbeiten nicht mit dem lauten Effekt, sondern mit Verschiebung, Konzentration und Sensibilität.
Sie fordern uns auf, das Selbstverständliche zu hinterfragen
und das Gewöhnliche als ästhetische und gedankliche
Ressource ernst zu nehmen.

